DOK LEIPZIG
Shanghaizwei

Zurück im technologischen Mittelalter, dafür mit guter Berliner Luft, noch ein paar Nachträge zu Shanghai:

Meine letzte Vorführung dort war

Die wundersame Welt der Waschkraft

von Hans-Christian Schmid. Viele Fragen zur Arbeitskräftewanderung und der Auslagerung von Dienstleistungen zwischen Polen und Deutschland bzw. andersrum. Langte diskutiert man, wie sich die Westeuropäer in den Globalisierungsprozessen verorten. Haben sie Angst? Weil sie zu Recht um ihre Vorreiterrolle fürchten müssen? Sind sie also eher passiv?

Und wieder ging es um das Voice Over, diesmal die Frage: Reicht es, wenn nur das in den Untertiteln übersetzt wird (also was im Off gesprochen wird), nicht aber die Stimmen im On? Einige chinesische Zuschauer waren verärgert darüber, dass man nicht erfährt, was die polnischen Arbeiterinnen sich unterhalten. Der nicht unwichtige Einwand des inzwischen angereisten Michael Chauvistré (der gekommen ist, um „Mit IKEA nach Moskau“ zu präsentieren), dass nicht nur das gesprochene Wort, sondern eher Bilder im Film wichtig wären, scheint sie nicht wirklich zu befriedigen. Hier will man alles immer ganz, ganz genau wissen.

Was sonst noch passierte:

Die Uni-Screenings

Wir waren am State Innovative Institute fort he Studies of Journalism & Communication and Media Society der Fudan University (Prof. Lu Xin Yu), an der School of Film&Television der Shanghai University (Prof. Lin Shaoxiong) und am Institut für TV Editing and Directing der Shanghai Theatre Academy (Prof. Fang Fang). Ein Campus größer, schöner, moderner und imposanter als der andere. High Tech in allen Räumen. Sobald man sich erhebt, rückt eine Putzkolonne an, um den Raum sogleich wieder blütenrein und antiseptisch virenfrei zu übergeben. Wenn das deutsche Studierende je sähen, müssten sie gleich noch mal auf die Straßen und protestieren. In China muss man auch Studiengebühren zahlen – aber offensichtlich weiß man wenigstens, wofür. Zwischen Profs und Studis herrscht offensichtlich ein persönliches Verhältnis, man kennt sich (so was gab es zu meinen Studienzeiten auch, das wurde später aber als „verschult“ bezeichnet und abgeschafft).

Zweimal haben wir „Rich Brother“ gezeigt, einmal „Don’t Get Me Wrong“ (mit dem die Studierenden, ganz im Gegensatz zum „normalen“ Publikum, erstaunlicherweise etwas überfordert waren. In erster Linie interessierte man sich an den Unis für die Bedingungen von Produktion und Distribution von Dokfilmen in Deutschland bzw. Europa. Und immer wieder natürlich die Frage: Was sind die Kriterien für einen guten Dokfilm? Da erzähle ich als erstes immer, dass wir uns in unserem gnadenlos kollektivistischen Leidensprozess der Filmauswahl darüber auch gern gegenseitig die Köpfe einschlagen – das entspannt die Zuhörer doch sichtlich.

Außerdem werden meine Auftritte von allen Seiten gefilmt und flächendeckend fotografiert. Was machen die nur, wenn mal ein echter Star kommt? Und was machen die überhaupt damit? Gibt es jetzt irgendwo ein geheimes Lemke-File? Kann unsereinen auch nicht wirklich erschüttern. Zumal der Kollege Chauvistré völlig richtig anmerkte, dass die Bevölkerungszahl von Shanghai in ungefähr der der DDR entspricht. Da fühlt man sich doch gleich ein bisschen zu Hause, gern auch mit Akte.

Einen Blog posten konnte man von China aus jedenfalls nicht, da ist dann doch die Zensur vor. Den ersten Eintrag hat meine Kollegin Kathleen von Leipzig aus ins Netz gesetzt. So ein bisschen Kontrolle behält sich Big Brother dann doch vor. Aber auch da erinnerte mich in Gesprächen mit chinesischen Kollegen vieles an die DDR. Jede Menge Verbote und Zensur und noch mehr Wege, sie eben zu umgehen, völlig selbstverständlich und gänzlich unaufgeregt und vor allem, ohne ständig von „Diktatur“ zu blubbern, wie man es im letzten Herbst im Rückblick auf die DDR immer hören musste.

Vor, nach und zwischen den Screenings gab es viele Gespräche und Treffen, u.a. beim Shanghai Documentary Channel, mit dem Shanghai International Film Festival und dem Shanghai TV Feestival, dem Yunfest (die für den unabhängigen Dokfilm in China stehen), CNEX (eine unabhängige Organisation, die Produktion und Vertrieb von Filmen unterstützt) sowie mit diversen Produzenten und Filmemachern. Viele Kooperationsangebote und –ideen. Das werden wir in Leipzig alles hübsch auseinanderklamüsern.

Dazwischen war gerade noch Zeit, dreimal laufen zu gehen. Es kostete mich zwei Nächte im Internet und das Aufsuchen diverser Läuferforen, um eine geeignete Strecke zu finden. Also mit möglichst wenig Beton und halbwegs atembarer Luft (wobei der Smog in den letzten zwei Tagen nachließ und man nur staunen konnte, wo noch überall Häuser standen, die man vorher nicht gesehen hatte). In einer Stadt mit 15 Millionen Einwohnern gibt es genau zwei Parks, die in etwa an die Größe des – sagen wir mal – Friedrichshains reichen würden. Einer davon ist umgeben von Schloten im Industriegebiet, der fiel also aus. Blieb der Century Park, den ich dann also jeweils per U-Bahn aufsuchte. Nur einmal begegneten mir dort andere Läufer – Europäer. Die Strecke war gut, der Park schön, die Luft okay. Zweimal begegneten mir ältere Chinesen, die elegisch einen Baum ansangen, das hat mir gut gefallen.

Wie ich auch das Publikum schmerzlich vermissen werde. Dass das Publikum wiederum unsere Filme vermissen wird, haben sie mir zum Abschied sehr deutlich gemacht. Oft war auch die Frage aufgetaucht, wie man an solche Filme gelangen könne. Wir haben dann zu jeder Vorführung ein Infoblatt verteilt, auf dem ich ein paar Download-Möglichkeiten für Dokfilme aufgelistet hatte.

Am besten hat mir gefallen, wie die Zuschauer sämtliche Dokfilme immer in einen größeren, künstlerischen Zusammenhang gestellt haben. Das kommt meiner Art, sie zu betrachten, sehr nahe: So gesehen funktioniert jeder Film als eigenes Referenzsystem, das sich wiederum in einem größeren System befindet. So wird ein Schuh draus, jawoll! Dabei wurden ständig Parallelen zur Literatur und anderen Künsten gezogen, vom feinsten. Da ist auch noch so was wie Bildung vorhanden – während ich bei Hochschulabsolventen (Filmhochschulen eingeschlossen) in Deutschland selten den Eindruck gewinne, dass sie mehr als drei Bücher in ihrem Leben ganz gelesen haben, und eins davon sind die 1000 Steuertricks. In Shanghai hingegen wurde die klassische chinesische Malerei ebenso selbstverständlich herangezogen wie große Namen der Weltliteratur ständig die Gespräche kreuzten: Toni Morrison, Jean Genet, Jaroslav Hašek und Lewis Carroll („Am Seidenen Faden“ wurde mit „Alice im Wunderland“ verglichen!) sind nur einige davon.

Wie wenig wir hingegen von chinesischer Kunst und Kultur verstehen, wurde mir ein weiteres Mal klar, als ich im Shanghai Museum wie das berühmte Schwein ins Uhrwerk auf Meisterwerke der chinesischen Kalligraphie und Malerei sah. Die schön geschwungenen Schriftzeichen erschienen meinem europäischen Auge einfach alle gleich hübsch. Ähnlich erging es mir mit den unzähligen Abbildungen von Lotusblüten, Felsen, Pinienbäumen oder Vögeln. Staunend las ich die Erklärungen zu den Bildern, die stets verkündeten, dass dieser oder jener Maler ein besonderer Meister im Malen von Pinien gewesen sei, ein anderer konnte besonders gut Orchideen malen, auch mit dem Abbilden von Fischen, Vögeln oder Felsen konnte man berühmt werden. Das sind doch mal ganz klare Ansagen. – Ein Wunder aber, dass wir im Reden über Filme überhaupt so etwas wie eine gemeinsame Sprache gefunden haben.

Ein Riesendank an Zhou Xingping und Wilfried Eckstein vom Goethe-Institut Shanghai noch mal!

Überhaupt kann man abschließend nur sagen: Ein Volk, das Hunde nicht an Kindes statt in Wohnungen verhätschelt, sondern ordentlich gebraten und gesotten auf den Tisch bringt, wird Grit Lemke stets an seiner Seite wissen.

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